Texte

Dr. Barbara Regina Renftle:

„Wolkentranszendenz

Die Malerin Christine Schön öffnet in ihren Ölgemälden den Blick für die transzendente Zartheit, die sublime Schönheit und das weich-Ätherische des Himmels über uns – ein Himmel, durch den geheimnisvolle Schattenvögel flügeln, samtene Wolken wie verwehte Blüten tanzen und goldene Engelsstimmen tönen. Diese Ölgemälde haben einige Ähnlichkeiten mit den Fresken barocker Sakralräume – und sind dennoch ganz zeitgemäß. Das kreisrunde Format verstärkt diesen Eindruck, denn es lässt an die runden und ovalen Himmelsausschnitte der klösterlichen Deckenmalereien denken. Der Kreis ist zudem ein Symbol göttlicher Vollkommenheit; daher wirkt der Tondo im Verbund mit einer duftigen, von flatternden Wolkenwesen durchwirkten Himmelsdarstellung auf den abendländischen Betrachter ohne weiteres als religiöses Meditationsbild, als ein pars pro toto des kosmischen Ganzen.

Auch die pastellige Farbigkeit, die sich auf lichte Gold- und Ockertöne, zartes Blau und Rosé sowie feinmalerisch abgestufte Grauwerte konzentriert, um hin und wieder in dunkleren Schatten dramatische Rhythmen und Akzente zu setzen, erinnert an das Vorbild barocker Fresken. Im Gegensatz zur Barockmalerei hat Christine Schön ihre Himmelsvisionen jedoch entpersonalisiert – die Staffage kirchlicher Würdenträger und die christliche Ikonographie mit Gottvater, Christus, Maria, Engeln und Heiligen sind verschwunden und durch Wolkenbildungen ersetzt, die Gestalten und Figuren – auch Engelswesen – noch assoziieren lassen, aber nicht mehr konkret abbilden. Bewegte, flüchtig wogende Gefüge harmonisch komponierter Wolkenabstraktionen öffnen durch eine subtile Lichtführung Tore zu einer vergeistigten Welt. Die Wesenheiten, die die Himmel von Christine Schön beleben, sind nicht – wie in der Kunst des Barock – mit ihren irdischen Körpern von der Erde auf physikalisch unerklärliche Weise in den Himmel erhoben, sondern sie entspringen ganz authentisch dem ätherischen Element des Himmels, ja sie selbst sind Bildner, Träger und Gestalter der wundervoll wogenden Himmelsregion. Die flatternden Wolkenwesen – Blüte, Wolke, Engel und Vogel in einem – machen dem Himmel erst zu dem, was er ist: ein Speicher bewegter und bewegender Energien, ein heiterer Raum voll flirrender Dynamik, Farben, Licht und Leichtigkeit. In ihrer luftigen, unbestimmbaren Schönheit ziehen uns die Wolkenbilder machtvoll an, befreien uns von der Schwerkraft und geleiten uns in eine Sphäre der Entgrenzung und Freiheit.

So macht sich Christine Schön die visuelle Bilderfahrung der Barockmalerei zunutze, um auf diese Grundlage eine neue Aussage zu treffen. Sie verbindet sie mit den Errungenschaften der Moderne, insbesondere der Abstraktion, mit Impressionen aus der Natur und einem sensiblen Gespür für Farbharmonien und -klänge. Das christliche, katholisch geprägte Narrativ entfällt und der Betrachter findet ein Himmelsrund, das frei von dogmatischer Beeinflussung in einem Spiel mit Assoziationen und Erinnerungen ebenso sinnliche wie übersinnliche Erfahrungsräume öffnet.“

in: Stiftung S BC – pro arte Kreissparkasse Biberach (Hrsg.): Bewölkt. Der Himmel in der Kunst. Vom Goldgrund zum Wolkenberg, Biberach an der Riss, 2020, S. 40-41 und S. 84-87

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Dr. Hans-Jürgen Buderer:

„Stehen die Gemälde der Christine Schön auch formal zunächst in Parallele zu den großen Vorbildern der barocken Deckenmalerei des 16. und 17. Jahrhunderts und begründet sich auch ihr bildnerisches Anliegen in der Absicht einer illusionären Intention von der Imagination des Lichts und der Entrückung der Betrachtung von der Welt, so unterscheiden sie sich doch ganz grundsätzlich im Blick auf die zentrale Bilderzählung und eröffnen der Betrachtung gänzlich neue Perspektiven.

Christine Schöns Bilder vom Himmel bieten dem Betrachter ein reich bewegtes Spiel an vielfältigen Wolkenformationen, die sich an einer Stelle verdichten und einander überlagern und an anderer sich öffnen und im Licht des Himmels auflösen. Doch dieses Formenspiel dient nicht als Kulisse einer aktionsreichen Erzählung. Es ist der zentrale Bildgegenstand der Gemälde. Nicht die Figuration einer Erzählung innerhalb der Wolkenlandschaft, sondern die Formationen und Farbigkeit der Wolken treten in eine kompositionelle und farbharmonische Korrespondenz der Teile zueinander. Die Farbe, das Hell und Dunkel, die Dichte und die lichthaften Partien, all das dient nicht als Bühne einer aktiv agierenden Figuration. Die Modulierung der Wolkengestalten ist Träger von unterschiedlichen Stimmungen und die Modellierung suggeriert die Körperhaftigkeit einer räumlich strukturierten Himmelslandschaft, deren Höhen und Tiefen sich als der visuell zu erlebende abstrakte Rhythmus einer variantenreichen Bewegung der Wolkenformen verdeutlichen. Der Himmel ist nicht die Bühne eines bewegten Geschehens, sondern thematisches Zentrum der malerischen Gestaltung.

Dabei erlauben die Formen ein assoziatives Spiel. Christine Schön beschreibt es selbst: „Da tauchen Wolken, verwehte Blüten und Blätter auf, frei fliegende, bewegte Formationen vor einer hellen Weite – die Szenerie wirkt vertraut. Es ist ein Spiel mit Assoziationen…“ Doch lässt sich der Betrachter auf dieses Spiel ein, dann wird er rasch die Erfahrung von der mangelnden Greifbarkeit seiner assoziativen Konkretisierung machen. Wieder formuliert Christine Schön dieses Phänomen selbst. Die Formen sind „…nicht das, was sie scheinen; sie lassen sich nicht wirklich bestimmen. Beim genauen Hinsehen lösen sie sich sogar auf, gerade dabei, das eben gefundene Gleichgewicht zu verlassen und in einen neuen Zusammenhang zu suchen.“

Deutlich wird, dass das visuelle Erleben nicht allein auf das Spiel mit der assoziativen Deutung und ihrer Auflösung zielt, sondern ebenso des kompositionellen Gefüges des Ganzen.

Es sind diese Aspekte einer beständigen ästhetisch visuellen Veränderung der Bilderfahrung, die auch das grafische Werk bestimmen. So kompakt und dicht die Formen sich auch optisch ausbilden, so deutlich erkennbar bleibt, wie filigran die einzelnen Linienspuren gesetzt sind. So verdichtet sich die dunklen Felder in der Komposition auch mit ihrer Tiefe behaupten, so deutlich bleibt zugleich die lockere Fügung des Ganzen erlebbar. So unmittelbar die grafischen Gebilde sich als Landschaften, als Wellenbewegungen und Wolkengebilde assoziativ bestimmen lassen, so rasch stellt das visuelle Erleben solche Bestimmungen wieder in Frage und führt auf eine abstrakte Formensprache zurück.

Auch Christine Schöns Bilder vom Himmel entgrenzen den Raum des Betrachters. Bietet sich dem Blick auch zunächst ein reiches Spiel an farbigen Wolkenformationen und ihren abstrakten Bewegungen, so leitet die Lichtführung den Betrachter doch zugleich durch dieses bewegte Gefüge hindurch. An den Wolkenformen vorbei wird der Blick durch das Licht des Himmels in eine Sphäre geführt, die ins Unendliche zu reichen scheint.“

in: Landratsamt Rhein-Necker-Kreis (Hrsg.): Radiale – Kunst im Kreis, Weinheim, 2018, S. 16-18

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Christine Schön:

„Jenseits des Himmels

Bilder, die Räume öffnen – Erfahrungsräume. Schicht auf Schicht sind sie verdichtet, angereichert mit Substanz aus Blau, Braun, Gelb, bis sie den Blick durchlassen in eine imaginäre Tiefe. Es gibt ein Vorne und Hinten, einzelne Elemente setzen sich ab, als würden sie schweben, die Farbe weht wie Luft und das Licht bricht hindurch. Es scheint, der Himmel öffne sich.

Die Bilder locken in die Höhe und spielen zugleich mit Formen und Farben. Da tauchen Wolken, verwehte Blüten und Blätter auf, frei fliegende, bewegte Formationen vor einer hellen Weite – die Szenerie wirkt vertraut. Es ist ein Spiel mit Assoziationen und mit Erinnerungen an die universale Erfahrung von Sonnenlicht.

Doch sind die Formen nicht das, was sie scheinen; sie lassen sich nicht wirklich bestimmen. Beim genauen Hinsehen lösen sie sich sogar auf, gerade dabei, das eben gefundene Gleichgewicht zu verlassen und in einen neuen Zusammenhang zu suchen.

Dabei ist die Oberfläche der Bilder gleich einer Membran, einer hauchdünnen Wand zwischen zwei Welten, die atmet. Das imaginäre Dahinter tippt an die Ahnung von der Wirklichkeit jenseits der Schwere der Welt.

Immer aber brauchen die Bilder das Auge, ohne das sie nur Farbe auf Leinwand bleiben. Erst in der Begegnung entstehen sie zu dem, was sie sein können, immer wieder neu und immer wieder anders, und immer angewiesen auf das Geschenk des Moments.“

in: Landratsamt Rhein-Necker-Kreis (Hrsg.): Radiale – Kunst im Kreis. Christine Schön. Jenseits des Himmels, Weinheim, 2018, ohne Seitenangabe